Bitcoin

Bitcoin, der Klimakiller – ARD, der Vertrauenskiller

Gestern Nacht strahlte der ARD die Kurzreportage „Klimakiller Bitcoin“ aus. Die Reportage ist so falsch, dass es schmerzt – und man könnte meinen, dass dies kein Versehen ist, sondern Absicht.

Ich bin alles andere als ein Fan der seit einigen Jahren so beliebten Journalenschelte. Denn ich finde, Journalisten leisten viel und bekommen dafür zu wenig.

Die meisten Journalisten durchlaufen eine anstrengende und langjährige Ausbildung, um danach eher schlecht bezahlt einem nervenaufreibenden, keinen Feierabend kennenden Job auszuüben, der ihnen mehr Feinde als Freunde verschafft.

Journalisten sind ein notwendiger Teil einer Demokratie. Sie schauen den Mächtigen auf die Finger, stellen unbequeme Fragen, haken nach, wenn jemand ausweicht, recherchieren investigativ auch gegen Widerstände. Sie sind in der Lage, sich schnell in ein neues Thema einzuarbeiten, machen sich die Mühe, Experten zu befragen, und vermitteln das Thema bündig und verständlich.

Es gibt kaum einen Beruf, der so wichtig für die Gesellschaft, aber so schlecht bezahlt und angesehen ist. Youtuber, Blogger und Podcaster können den professionellen Journalismus ergänzen – aber sie können ihn nicht ersetzen. Wer gegen Journalisten pauschal hetzt, ist ein Feind der Demokratie. Punkt.

Skandalisierende Inszensierung, perfides Abwatschen von Fakten

Allerdings benötigen Journalisten das Vertrauen der Bevölkerung, um ihre Aufgabe zu erfüllen. Und leider gibt es immer wieder journalistische Fehltritte, die dieses Vertrauen untergraben. Wer einmal lügt, dem – das wisst ihr ja.

Einer dieser Fehltritte dürfte die Kontraste-Sendung von RBB über „Klimakiller Bitcoin“ sein, die gestern Nacht lief und vermutlich Millionen von Menschen falsche Bilder in den Kopf gesetzt hat. Wenn man ein wenig von der Thematik versteht, ärgert man sich über Fehler in fast jedem Satz; wenn man zudem noch weiß, wie die Macher des Beitrags mit ihren Interviewpartnern umgingen, kann man sich nur empören und entsetzen.

Beginnen wir mit den Fehlern und Fakten. Die 6-minütige Reportage macht mit einem Bild auf, das vertrocknet-aufgebrochene Erde zeigt, und kündigt an, dass die Welt sich einig sei, dass man CO2 sparen müsse. Bitcoin jedoch mache das Gegenteil: Die Krypowährung sei ein Klimasünder.

Dann wird Alex de Vries gezeigt, der als Digiconomist eine Internetseite betreibt, die den Strombedarf von Bitcoin ausrechnet. De Vries, wegen seiner Finanzierung durch die niederländische Zentralbank nicht zwingend unabhängig, erklärt, dass Bitcoin so viel Strom verbrauche wie sein Vaterland.

Soweit bleibt es einigermaßen richtig. Auch die folgende Erklärung von Bitcoin, dem Netzwerk, ist zwar etwas schwammig, wenn sie den Unterschied zwischen Minern und Nodes ignoriert, aber deswegen noch nicht falsch. Falsch wird es allerdings danach, wenn die Reportage erklärt, dass das Mining Sicherheit schaffe, die Sicherheit Vertrauen und das Vertrauen einen steigenden Kurs. Das stellt die Logik auf den Kopf: Ein steigender Kurs erhöht die Hashpower und damit das Mining, nicht andersherum. Einfache nachfrageorientierte Ökonomie, wie sie außerhalb des Sozialismus überall gilt.

In Ordnung ist auch die Erklärung, was Mining macht, auch wenn wichtige Teile fehlen und etwas unscharfe Aussagen dabei sind, etwa von „Hochleistungsrechnern“. Aber das sind Peanuts. Faszinierend wird es danach: Es folgt ein Inferno an Irrtümern, Schludigkeiten und Falschaussagen.

Die Reporter haben Markus Büch vom Bundesverband Blockchain interviewt. Er erklärt, „dass Bitcoin keinen relevanten Einfluss auf den Klimawandel hat.“ Dieser Einwurf ist faktisch nicht zu widerlegen: Bitcoins Beitrag zu den menschengemachten Treibhausgasen bewegt sich in der Größenordnung 0,01-0,05 Prozent und ist damit tatsächlich: irrelevant.

Aber das erfährt der Zuschauer nicht. Stattdessen wird Büchs Einwand mit der perfiden Bemerkung beiseite gewischt, dass man dann auch sagen könne, Italiens Treibhausgasemissionen seien irrelevant. Perfide ist diese Bemerkung erstens, weil sie es grundsätzlich ablehnt, beim Thema Klimawandel Maß und Fakten zu beachten, und zweitens, weil sie Strom mit Energie verwechselt.

Bitcoin mag soviel Strom wie Schweden oder die Niederlande verbrauchen – aber Strom macht nur ein Sechstel des globalen Energieverbrauchs aus. Der Rest geht vor allem in Heizungen und Transportmittel, die mit Gas und Öl in der Regel sehr viel CO2-lastiger sind als Strom. Diesen riesigen Unterschied stampft die Reportage mit einem floskelhaften Satz einfach ein. Ein Irrtum im besten Fall, Desinformation im schlechtesten.

Peanuts und Kokosnüsse

Aber es geht noch weiter. Der Bericht nennt es einen „Fakt“, dass Bitcoin einen Unterschied mache (was macht das nicht?). Das sehe man vor allem in China, was durch Bilder von vermutlich chinesischen, Smog in die Luft stoßenden Kraftwerken untermalt wird. Alex de Vries erläutert, dass Miner in China vor allem Kohlekraft verbrauchen, und belegt das damit, dass infolge eines Stromausfalls im kohlestromlastigen Norden Chinas kürzlich fast ein Drittel der Hashrate ausgefallen sei.

Das mag saisonal so sein, wenn die Staudämme zur Trockenzeit weniger Strom produzieren. Aber auch nur vielleicht, und in keiner Weise das ganze Jahr. Und selbst wenn – wäre dann nicht die Frage, was die Kraftwerke ohne Bitcoin-Miner machen? Herunterfahren? Oder warum diese Kraftwerke so günstigen Strom überhaupt erst erzeugen können? Hat sich die chinesische Regierung verkalkuliert? Vergibt sie die falschen Subventionen? Aber das ist ebenso egal, wie der journalistische Grundsatz, Fakten durch mindestens zwei unabhängige Quellen zu checken. Es geht um den Skandal!

Anschließend raunt der Bericht, China sei „kurz davon gewesen“, die internationalen Klimaziele „trotz Corona“, wegen des Minings zu verfehlen. Dies hätten Forscher der Universität Beijing berechnet. Eine – eher vage gehaltene – Aussage eines der Forschers über „Probleme mit dem Kyoto-Protokoll“ bestätigt dies angeblich. Hätten die Journalisten das Paper der Forscher gelesen, wüssten sie, dass sie zukünftige Probleme prognostizieren, anstatt gegenwärtige festzustellen. Auch dies eine Falschaussage, entstanden durch Unwissenheit, Schludrigkeit oder Absicht.

Nachdem in China die Behörden gegen die Miner vorgegangen seien, so die Reportage, suchten diese vermehrt ihre Zuflucht im Iran, wo die Regierung sie willkommen heiße und der Strom spottbillig aus Erdöl gebrannt wird. Das ist hatürlich hart – harter Tobak: Alex de Vries hat eben erst erkärt, dass in China weiterhin massiv gemined wird; die Miner sind im Iran seit Februar nicht mehr wirklich willkommen; der Strom droht wird in der Regel mit Gas und nur in Ausnahmefällen – etwa bei Blackouts oder während einer Kältewelle – mit Erdöl erzeugt; und überhaupt ist das Stromnetz im Iran gar nicht in der Lage, eine relevante Mining-Industrie zu versorgen. Aber ach, ist das alles wirklich wichtig – oder doch nur kleingeistige Besserwisserei?

Anschließend nähert sich der Bericht einem Teil des Problems. Zumindest beinah. Er konstatiert, dass in Europa nicht gemined wird – was zumindest in Norwegen oder Island faktisch falsch ist – und erkennt den Grund dafür in den hohen Strompreisen, die für Deutschland mit 12 Cent je Kilowattstunde angegeben werden.

Man könnte an dieser Stelle feststellen, dass die hohen Strompreise ein Problem seien. Da die Stromentstehungskosten von Windkraft und Photovoltaik eher bei 3-4 Cent liegen, könnte Deutschland im Prinzip ein durch grüne Energien gespeister Mining-Standort sein und damit helfen, den CO2-Ausstoß durch Bitcoin zu senken. Aber darum – darum soll es nicht gehen. Stattdessen raunt der Bericht, dass Bitcoin in Deutschland „freie Bahn“ habe, wie auch immer man das verstehen soll, untermalt dies durch Aufnahmen aus dem legendären, aber mittweile geschlossenen Room 77, und bestätigt es durch die Behauptung, man könne immer öfter mit Bitcoin bezahlen – was leider falsch ist: Die Akzeptanz im Handel stockt und ist teilsweise auch auf dem Rückzug. Aber – peanuts.

Größer ist die Falschaussage, Bitcoin sei nicht reguliert, obwohl er so klimaschädlich sei. Wie kommt man darauf? Bitcoin wird hochgradig reguliert, strenger als Gold, Bargeld und jedes andere Zahlungsmittel.

Etwas mehr Kompetenz bringt ein Sprecher des Ministeriums für Wirtschaft und Energie in die Reportage. Er erklärt, man könne Bitcoin nicht einfach so regulieren, da die Kryptowährung dezentral sei und sich dem Zugriff durch Staaten entziehe. Bitcoin tanze, skandiert die Sprecherin skandalisierend, den Staaten auf der Nase herum. Der Sprecher des Energieministeriums fragt dann, warum die Entwickler nicht eingreifen, auch weil es heutzutage möglich sei, eine Kryptowährung mit viel weniger Energie zu betreiben.

Diese Frage beantworten die Journalisten gerne. Sie wissen, dass man Bitcoin „tatsächlich“ entsprechend umschreiben könne, was nicht zuletzt Ethereum demonstriere. Dass der Umstieg auf Proof of Stake bei Ethereum stockend, risikoreich und umstritten verläuft und noch längst nicht erfolgreich ist, dass Ethereum fundamental anders ist als Bitcoin – peanuts.

Worum es vielmehr geht, ist, dass die sechs Chefentwickler von Bitcoin von einem solchen Wechsel „offenbar nichts“ halten. Die Reportage zeigt sechs Fotos mit verpixelten Augen, darunter angeblich auch ein Deutscher – ich denke, sie meinen den Schweizer Jonas Schnelli (peanuts). Die Entwickler blieben, weiß der Bericht, der Stromverschwendung treu, da diese Sicherheit generiere und damit hohe Börsenkurse.

Dass der Bericht damit eine eher für die Sowjetunion als die BRD geeignete Wirtschaftstheorie wiederholt, dass er den Entwicklern von Bitcoin, die auf Emails nicht geantwortet haben, sinistre, geldgierige Motive unterstellt – nicht geschenkt. So etwas gehört sich nicht.

Was hinter der Kamera geschah

All das wäre schon genug Stoff, um den inneren Wutnickel zu nähren. Der Bericht enthält etwa 2-3 Fehler (oder Unschärfen, Peanuts) je Minute. Doch es wird nur noch schlimmer, wenn man die Hintergründe kennt.

Markus Büch wurde mit Kamera interviewt, am Ende aber nur mit einem Nebensatz gebracht. Markus hat, wie er auf Twitter erzählt, den Reportern unter anderem auch erklärt, welche Rolle das Halfening spielt (eine überragende, da es den Energieverbrauch im Lauf der Zeit von selbst erheblich reduziert) und dass es Initiativen wie Netpositive.Money gibt. All dies tauchte nicht in dem Bericht auf, vermutlich, weil es das skandalisierende Gesamtbild stören würde.

Rückblickend meint er, er sei naiv gewesen, nehme aber die Erfahrung mit und kümmere sich nun intensiver um Netpositive.Money.

Gebe offen zu, dass ich da gestern von Naivität beseelt war. Gleichwohl war es eine gute Erfahrung und ich hab wieder etwas dazugelernt. Die daraus entstehende Motivation kommt nun komplett in @netposmon rein.

— Markus Büch (@markusbuech) May 7, 2021

Wütender ist der Blocktrainer. Er hat gestern Nacht, gleich nach der Ausstrahlung des Beitrags, ein Video aufgenommen. Das ARD habe den bzw. die Blocktrainer kontaktiert, und sie haben sich zuerst einmal gefreut, dass man sie fragt, auch weil das Thema mit dem Stromverbrauch wichtig ist. Einer der Blocktrainer, Rene A., hat der Journalistin erklärt, warum Proof of Work wichtig sei, welche Probleme Proof of Stake für die Sicherheit verursache, und warum es für die Entwickler unmöglich sei, den Konsens-Algorithmus derart gravierend zu verändern.

Heraus kam in der Reportage, dass die Entwickler sich „weigerten“, Bitcoin umweltfreundlicher zu machen. Journalisten sollten wissen, dass zwischen Nicht-Können und Nicht-Wollen eine ganze Welt liegt, und zwischen Nicht-Wollen und Sich-Weigern immer noch ein Landstrich. Es ist schwer, hier keine Absicht zu erkennen.

„So eine Sch*** aus dem zu machen, was wir da geäußert haben,“ ärgert sich Blockcheftrainer Roman, „ich bin nicht sauer, weil über Bitcoin – mal wieder – nur Blödsinn verbreitet wird. Ich bin sauer, weil ein so grottenschlechter Journalismus von unseren Steuergeldern bezahlt wird.“

Er sei kein Freund von Begriffen wie „Systemmedien“, und er nehme immer wieder die Medien vor solchen Vorwürfen in Schutz. „Und dann passiert uns genau das … die kommen an, stellen Frage, verdrehen uns das Wort im Mund … wir haben alles erklärt, und es ist bewusst verdreht worden.“

Tja. Dem ist nicht viel hinzuzufügen. So verliert der Journalismus das Vertrauen, das er dringend benötigt.

   

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